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Das neue Kranichstein
® Kranichstein-Archiv 2012-2018
(aus: 600 Jahre KranichsteinVortrag, gehalten von Dr. Engels, auf der Festveranstaltung im Bürgerzentrum am See am 06.Mai 1999)
ls   am   24.   Mai   1968   ...   bei   der   Grund- steinlegung   für   den   neuen   Stadtteil   in Gegenwart    des    Planers    Ernst    May und    des    Hessischen    Innenministers Heinrich         Schneider         Oberbürger- meister       Ludwig       Engel       voller       Hoffnung       sagte,       die Zusammenarbeit     zwischen     Planer     und     Neuer     Heimat     als Bauträger    schaffe    eine    Symbiose    zwischen    kulturellen    und wirtschaftlichen   Interessen,   die   Stadt   habe   die   Hoffnung,   dass hier   etwas   wahrhaft   Beispielhaftes   entstehe,   da   ahnte   er   sicher nicht,   dass   diese   "Beispielhaftigkeit"   eher   die   negative   Seite   des Geschehens umfasste: Kranichstein   schaffte   es   als   Beispiel   für   verkorksten   Städtebau bis   in   die   ZDF-Sendung   "Aspekte".   In   der   Illustrierten   "STERN"   wurde   der   Stadtteil   im   Oktober   1975   als   abgeschnitten   vom städtischen   Leben,   als   "Milliardenfehlplanung"   und   "Mietverwahranstalt"   bezeichnet,   was   einen   geharnischten   Leserbrief des   damaligen   Oberbürgermeisters   Sabais   zur   Folge   hatte.   Ebenfalls   1975   bezeichnete   FAZ-Urgestein   Hiltraud   Böhm Kranichstein als "Darmstadts unterernährte Satellitensiedlung". Der   Grund   für   diese   Charakterisierung   lag,   wie   es   Hermann   Stumme,   der   gerade   in   den   Ruhestand   verabschiedete   Leiter des    Planungsamtes,    1977    zusammenfassend    formulierte,    in    Fehlern    der    frühesten    Planungsphase.    Die    Aufgabe "Kranichstein"   wurde   anfangs   weder   von   den   Planern   noch   von   den   politischen   Gremien   in   ihrer   Komplexität   gesehen,   und die   Stadt   überschätzte   ihre   Organisationskraft.   Die   Zuordnung   der   Siedlung   zum   Wald   anstelle   der Angliederung   an   einen vorhandenen und damit infrastrukturell versorgten Stadtteil erwies sich als große Belastung für die Bewohner. Angefangen   hatte   alles   mit   dem   Problem   des   großen   Zeitdrucks.   Die   Kosten   von   16   Millionen   Mark   für   den   Erwerb   des Baugrundstücks   1965   ließen   sich   nur   finanzieren,   wenn   möglichst   rasch   mit   der   Weiterveräußerung   und   Bebauung   von Grundstücken    begonnen    werden    konnte.    Deshalb    wurde    auf    einen    Wettbewerb    verzichtet    und    der    renommierte Stadtplaner   Ernst   May   mit   der   Planung   beauftragt,   der   auch   bereits   Ende   1965   sein   Planungskonzept   vorlegte,   das   einen Stadtteil    für    ca.    18.000    Menschen    mit    bis    zu    6.000    Arbeitsplätzen    und    kompletter    Versorgung    mit    öffentlichen Einrichtungen   vorsah.   Leider   gingen   die   Verhandlungen   mit   den   Bauträgern   nicht   so   rasch   voran.   Deshalb   begann   die Neue Heimat Südwest erst Mitte 1968 mit dem Bau der ersten Häuser auf der grünen Wiese. Nachdem    die    ersten    Mieter    Ende    1969    eingezogen    waren,    begannen    bereits    im    Jahr    1970    die    Proteste,    weil    die Baufolgeeinrichtungen   fehlten.   Zwar   verband   ab   1970   eine   Buslinie   Kranichstein   mit   der   Innenstadt,   aber   Geschäfte, Schulen,   Post,   Kindergärten,   Grünanlagen   usw.   ließen   auf   sich   warten. Auf   die   massiven   Proteste   der   Bewohner,   vor   allem der   neugegründeten   Interessengemeinschaft   Kranichstein   -   auch   dies   eine   Parallele   zur   1930   gegründeten   IG   Kranichstein -   reagierte   die   Stadt   mit   einem   veränderten   Strukturkonzept.   Die   Planungen   für   den   Stadtteil   wurden   reduziert,   die   Stadt stellte   zwei   Advokatenplaner   ein   (damals   ein   ganz   neues   Instrument   der   Kommunalpolitik),   die,   nicht   weisungsgebunden, die    Bürger    mit    ihren    Interessen    und    Vorschlägen    gegenüber    der    Stadt    beraten    sollten.   Auf    diese    Weise    wurden    in jahrelangen,   teils   hitzigen   Auseinandersetzungen   zwischen   Stadt   und   Bewohnern   einige   Verbesserungen   erreicht,   etwa die   Reduzierung   des   Individualverkehrs   in   den   Wohnbereichen,   den   Verzicht   auf   den   weiteren   Bau   von   Hochhausscheiben zugunsten    kleinerer    Bebauungen,    aber    auch    kleinere    Erleichterungen    wie    die    Verlegung    der    Sozialstation    vom Schlepperprüffeld in das Zentrum des Stadtteils. Heute   ( 1999   Anm.   d.   Admin. )   leben   etwa   10.000   Bewohner   in   Kranichstein.   Mittlerweile   gibt   es   die   lange   vermisste Infrastruktur,   es   gibt   seit   1980   das   Ökumenische   Kirchen-   und   Gemeindezentrum   und   seit   vorigem   Jahr   auch   dieses schöne   Bürgerzentrum   am   See.   Manches   Problem   wurde   also   gelöst,   andere   nicht,   oder   es   sind   neue   hinzugekommen, aber   einen   Stadtteil   ganz   ohne   Probleme   gibt   es   bekanntlich   nirgendwo.   Ein   aktuelles   Thema   möchte   ich   zum   Schluss noch kurz erwähnen: Ich   zitiere   aus   der   Zeitung:   "Sollen   die   Kranichsteiner   künftig   mit   der   Straßenbahn   in   die   Stadt   fahren   oder   weiterhin   mit dem   Bus?   Um   diese   Frage   geht   es   bei   den   Untersuchungen,   die   derzeit   im   Stadtplanungsamt   angestellt   werden"   Die Straßenbahn   würde   allerdings   Neu-Kranichstein   in   der   Bartningstraße   durchschneiden.   Diese   Überlegung   hört   sich   recht aktuell    an.    Das    Zitat    stammt    jedoch    aus    dem    Darmstädter    Tagblatt    vom    08.   August    1972.    Die    Diskussion    um    die Straßenbahn ist also fast so alt wie der Stadtteil selbst.  
Entwicklungs-Modell für Kranichstein von Prof. Ernst May
Die Siedlung von Ernst May Die   Entstehung   des   Stadtteils   Kranichstein   wurde   durch   den   Verkauf   einer   80   ha   großen   Fläche   des   Hofgutes   Kranichstein   durch   den Prinzen   Ludwig   von   Hessen   an   die   Stadt   Darmstadt   im   Jahr   1965   möglich.   Die   Planung   des   neuen   Stadtteils   als   sogenannter   'Waldsatellit' im   Nord-Osten   der   Stadt   Darmstadt   beruht   auf   einem   Grüngutachten   von   Günther   Grzimek   aus   dem   Jahr   1963.   Der   erste   Bauabschnitt des    Stadtteils    nach    der    Planung    von    Ernst    May    aus    den    Jahren    1965    /    1968    basiert    auf    langen,    bis    zu    17-geschossigen Hochhausscheiben   im   Wechsel   mit   teppichartig   angelegten   Einfamilienhausquartieren,   die   südlich   eines   Grünzuges   mit   integrierten   Seen um   den   Ruthsenbach   sowie   südlich   der   Kranichsteiner   Straße   entwickelt   wurden.   Das   Quartier   Ernst   Mays   ist   heute   als   Nukleus   des Stadtteils   zu   sehen.   Der   überwiegende   Anteil   der   Wohnungen   wurde   im   ersten   Förderweg   Sozialer   Wohnungsbau   errichtet.   Ziel   der Planung   von   Ernst   May   war,   'in   einer   einprägsamen   Stadtgestalt   städtebauliche   Dichte   mit   der   großzügigen   Freiheit   halbumgreifender Landschaftsräume, in deren Buchten niedrigere Bebauung Platz und ihren stadtbezogenen Standort finden sollte, zu verbinden.' Die Quartiere Kranichsteins Vor   dem   Hintergrund   massiver   Kritik   an   den   Großformen   der   Bebauung   bereits   kurz   nach   der   Fertigstellung   des   1.   Bauabschnittes   der Siedlung   in   den   70er   Jahren   sowie   fehlender   Infrastruktur   wurde   die   Maßstäblichkeit   der   weiteren   Bauabschnitte   in   einem   offenen Planungsprozess   modifiziert.   Der   Paradigmenwechsel   führte   dazu,   dass   in   Arrondierung   der   Hochhaussiedlung   bis   heute   in   insgesamt sechs    großen    Bauabschnitten    Quartiere    geschaffen    wurden,    die    jeweils    höchst    innovativ    ökologische,    soziale    und    gemeinschafts- orientierte   Themenstellungen   verfolgen.   In   der   Tatsache,   dass   sich   nahezu   der   gesamte   Grund   und   Boden   im   Besitz   der   Stadt   Darmstadt befand,   lagen   sehr   gute   Voraussetzungen   zur   Umsetzung   wegweisender   städtebaulicher   Leitbilder   –   sozial,   kostengünstig,   kinder-   und familienfreundlich,   ökologisch,   autoarm   –   im   Sinne   einer   nachhaltigen   Stadtteilentwicklung.   Vor   dem   Hintergrund   seiner   besonderen städtebaulichen   Entwicklung,   die   kontinuierlich   auch   mit   einem   hohen   ehrenamtlichen   Engagement   der   Bewohnerinnen   und   Bewohner   für ihren     Stadtteil     verbunden     war,     ist     Kranichstein     als     ein     Spiegelbild     der     Planungsgeschichte     des     20.     Jahrhunderts,     als     ein abwechslungsreiches   und   innovatives   Experimentierfeld,   insbesondere   des   Wohnungsbaus,   zu   sehen.   Eine   besondere   Qualität   des Stadtteils   ist   seine   Fassung   durch   Naturräume.   Im   Süden   grenzen   die   Ausläufer   der   Bergstraße   und   des   Odenwalds,   im   Osten   das Messeler   Hügelland,   im   Norden   die   Untermainebene   und   im   Westen   die   Hessische   Rheinebene   und   der   Westwald   an.   Der   Stadtteil   selbst wurde in die Grünstruktur der Ruthsenbach-Aue eingepasst. Entwicklung im Kontext der 'Sozialen Stadt' Der   Stadtteil   Kranichstein   wurde   im   Jahr   2000   mit   einem   förmlich   festgelegten   Fördergebiet   in   das   Bund-Länder-Programm   'Stadtteile   mit besonderem   Entwicklungsbedarf   –   die   Soziale   Stadt'   aufgenommen.   Ziel   war,   den   Nukleus   des   Stadtteils,   die   Siedlung   von   Ernst   May,   vor dem   Hintergrund   vielschichtiger   sozialer   Problemlagen   sowie   umfangreicher   baulicher   und   städtebaulicher   Handlungserfordernisse   wieder in   den   Mittelpunkt   des   Handelns   zu   rücken.   Seit   dieser   Zeit   wurde   eine   Vielzahl   an   Projekten   umgesetzt,   die   das   Stadtquartier,   aber   auch den   Stadtteil   als   Ganzes   sozial,   kulturell,   ökonomisch,   ökologisch   und   städtebaulich   stabilisieren   und   aufwerten...   Im   besonderen   Fokus der   'Sozialen   Stadt'   stehen   und   standen   neben   der   weiteren   Verbesserung   der   Infrastruktur   Aufwertungsmaßnahmen   im   öffentlichen Raum, im Wohnumfeld sowie im Umfeld wichtiger Einrichtungen.
(aus: 1. Europäische Auszeichnung für kinderfreundliche Städte 2009, 1. Preis Darmstadt Kranichstein; Herausgeberin: Wissenschaftsstadt Darmstadt, Planungsdezernat Stadtplanungsamt, Sozialdezernat / Text: Freischlad + Holz Architekten BDA)